Pressemitteilung der IDRH zur neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte
Zwischen Folklore und Fehlstellen: Russlanddeutsche Selbstorganisationen in Hessen über die Darstellung russlanddeutscher (Spät-)Aussiedler in der neuen Dauerausstellung im Haus der Geschichte
Die neue Dauerausstellung „Du bist Teil der Geschichte. Deutschland seit 1945“ im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland lädt dazu ein, die Entwicklungen der Bundesrepublik aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Perspektiven zu betrachten. Beim Rundgang fällt jedoch auf, dass die Geschichte der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler dabei nur in sehr begrenztem Umfang und in stark verzerrter Form sichtbar wird.
Eine fundierte historische Einordnung der Lebensrealität von rund 2,5 Millionen Aussiedlern und Spätaussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion bleibt aus. Weder die Deportation von mehr als einer Million Deutscher im Jahr 1941, noch die jahrzehntelange Diskriminierung in der Sowjetunion oder die rechtlichen Grundlagen der Aussiedlung nach Deutschland seit Ende der 1980er Jahre werden nachvollziehbar vermittelt. Gerade für den Zeitraum seit 1990, der durch eine der größten Zuwanderungsbewegungen der deutschen Nachkriegsgeschichte geprägt ist, entsteht so ein lückenhaftes Bild.
Dass eine Dauerausstellung dieses Umfangs nicht alle historischen Entwicklungen gleichermaßen vertiefen kann, liegt auf der Hand. Kuratorische Entscheidungen entstehen unter Berücksichtigung methodisch-didaktischer Überlegungen, Zielgruppenorientierung und Fragen der Vermittlung. Auswahl und Verdichtung gehören zum musealen Alltag. Umso erklärungsbedürftiger ist jedoch die Entscheidung, die Geschichte der russlanddeutschen (Spät-)Aussiedler aufzugreifen und sie auf wenige folkloristische und konsumbezogene Symbole zu reduzieren. Gerade weil diese Geschichte eng mit deutscher Kriegs-, Nachkriegs- und Migrationsgeschichte verwoben ist, wirkt diese Form der Darstellung wie eine verpasste konzeptionelle Entscheidung. Seit Jahrzehnten leistet eine Vielzahl an Verbänden, Initiativen und Fachstellen zur Geschichte der Russlanddeutschen kontinuierlich Aufklärungs- und Bildungsarbeit und steht als Ansprechpartner für eine differenzierte Präsentation zur Verfügung. Dass diese Expertise bislang kaum berücksichtigt wird, verdeutlicht, wie hartnäckig sich bestimmte Verkürzungen selbst in fachlich geprägten Kontexten halten.
Diese Verkürzung ist besonders bedauerlich angesichts der Rolle des Hauses der Geschichte als zentraler Ort historisch-politischer Bildung. Die russlanddeutsche Erfahrung erscheint weitgehend losgelöst von ihren historischen Ursachen, rechtlichen Rahmenbedingungen und den gesellschaftlichen Integrationsprozessen in der Bundesrepublik. Statt Einordnung entsteht ein Eindruck von Oberflächlichkeit, der bestehende Zuschreibungen eher stabilisiert als zur Reflexion anregt.
Die neue Dauerausstellung lässt an dieser Stelle wichtige Fragen offen. Eine inhaltliche Ergänzung oder Überarbeitung, die der historischen Tiefe und der engen Verwobenheit russlanddeutscher Geschichte mit der gesamtdeutschen Geschichte gerecht wird, würde einen Beitrag zu einer differenzierten und verantwortungsvollen Erinnerungskultur leisten. Sie würde zugleich zeigen, dass der Titel der Ausstellung auch für die Geschichte der Russlanddeutschen eingelöst wird: dass sie Teil der Geschichte dieses Landes sind.
Frankfurt am Main, 09.02.2026

Johann Thießen
Vorsitzender LMDR-Hessen e.V.

Swetlana Volz
Vorsitzende DJR – Hessen e.V.

Albina Nazarenus-Vetter
Trägerleitung DJR/Geschäftsführung IDRH gGmbH

