Multiplikatorenseminar in Erfurt
Am 10. und 11. Juli 2026 führte unsere Bildungsreferentin Natalie Paschenko das Multiplikatorenseminar „Aus der Geschichte lernen. Wohin Ausgrenzung und Gewalt führen“ durch. Begleitet wurde die Bildungsreise von Eckhard Scheld, Studiendirektor a. D. und langjährigem Lehrer für Geschichte und Politik. Das Seminar führte zu Erinnerungsorten der nationalsozialistischen Diktatur, der SED-Herrschaft und der deutschen Teilung. Anhand dieser Orte wurden unterschiedliche Formen politischer Verfolgung und staatlicher Repression im 20. Jahrhundert nachvollzogen.
Die erste Station war das Bundesarchiv – Stasi-Unterlagen-Archiv in Erfurt. Dort werden rund 4.500 laufende Meter Akten, etwa 1,7 Millionen Karteikarten sowie zahlreiche Fotografien, Filme und weitere Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit verwahrt. Während der Führung erhielt die Gruppe Informationen über Aufbau und Arbeitsweise des Überwachungsapparates der DDR sowie über die heutige Erschließung und Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen. Ergänzend stellte Eckhard Scheld die Erzählung „Unter den 18 Türmen der Maria vor dem Teyn“ des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich vor. Anhand des persönlichen Schicksals wurden die Auswirkungen staatlicher Überwachung auf das Leben einzelner Menschen thematisiert.
Anschließend führte das Seminar in die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße, die sich in der ehemaligen Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit befindet.
Gleichzeitig erinnert der Ort an die Ereignisse des 4. Dezember 1989, als Bürgerinnen und Bürger die Erfurter Bezirksverwaltung der Staatssicherheit besetzten und damit einen frühen Schritt zur Auflösung des Repressionsapparates in Thüringen vollzogen. Im Anschluss an den Rundgang griff Eckhard Scheld die Erzählung „Das Schweigen“ von Utz Rachowski auf. Der Text schildert den Besuch einer Mutter bei ihrem inhaftierten Sohn und ergänzt die Geschichte des Ortes um eine literarische Perspektive auf politische Verfolgung in der DDR.
Den Abschluss des ersten Seminartages bildete ein Rundgang durch die Erfurter Altstadt. Neben der Krämerbrücke, der längsten vollständig mit Häusern bebauten und bewohnten Brücke Europas, wurden unter anderem das Domensemble mit der Gloriosa sowie die Alte Synagoge und die Mikwe vorgestellt.
Am zweiten Seminartag besuchte die Gruppe die Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar. Der Ort vereint mehrere historische Ebenen: Neben dem nationalsozialistischen Konzentrationslager bestand hier von 1945 bis 1950 das sowjetische Speziallager Nr. 2. Diese doppelte Geschichte prägt die heutige Gedenkstätte und eröffnet die Möglichkeit, unterschiedliche Formen politischer Unterdrückung im 20. Jahrhundert vergleichend zu betrachten. Nach dem Einführungsfilm über die Geschichte des Lagers folgten der Besuch der Dauerausstellung „Buchenwald – Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945“, ein Rundgang über das ehemalige Lagergelände sowie das Mahnmal.
Während der Führung stellte Eckhard Scheld exemplarisch das Schicksal des Pfarrers Paul Schneider vor, der wegen seines öffentlichen Widerspruchs gegen das nationalsozialistische Regime verfolgt und am 18. Juli 1939 im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde. Darüber hinaus wurden die Situation sowjetischer Kriegsgefangener, das sowjetische Speziallager Nr. 2 sowie die Erinnerungsgeschichte des Geländes behandelt.
Auf der Rückfahrt legte die Gruppe einen Zwischenstopp in der Thüringer Kloß-Welt in Heichelheim ein. Die 1999 gegründete Manufaktur dokumentiert Geschichte und Herstellung der Thüringer Spezialität und zählt zu den regionalen Traditionsbetrieben des Freistaats. Den Abschluss der Bildungsreise bildete ein Halt an der ehemaligen Grenzübergangsstelle Herleshausen–Wartha. Dort erläuterte Eckhard Scheld den Aufbau der Grenzanlagen, die Abläufe des Transitverkehrs zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR sowie die Bedeutung dieses Grenzübergangs während der deutschen Teilung.
Wir bedanken uns bei Herrn Scheld für die großartige Begleitung des Seminars sowie bei allen Institutionen für die informativen Führungen. Und natürlich herzlichen Dank an alle, die dabei waren. Wir freuen uns auf die nächste gemeinsame Reise!
Dies war ein Projekt des Referates Soziales, Familie und Senioren unter der Leitung von Natalie Paschenko. Es wurde gefördert durch das Hessische Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz.



















